Meine hindernisfreien Ferien in Montreux – mit Papa, Sonne und ein paar Stolpersteinen

Hindernisfreie Ferien in der Jugendherberge Montreux? Lena hat das Hostel am Genfersee getestet. Im persönlichen Bericht erzählt sie über ein Sommerwochenende mit schönen Momenten, praktischen Hürden und ganz viel Wasser.

Freitag – Auf in die hindernisfreien Ferien nach Montreux!

Am Frei­tag­nach­mit­tag ging es los. Ich fuhr mit Papa von Baden los – gegen 16 Uhr. Damit ich so früh star­ten konn­te, nutz­te ich mei­nen Joker-Halb­tag. Die Zug­fahrt war ins­ge­samt gut orga­ni­siert, aber nicht immer ganz ein­fach. Eini­ge Züge waren als roll­stuhl­taug­lich ange­schrie­ben, hat­ten aber trotz­dem Trep­pen. Zum Glück hal­fen uns freund­li­che Men­schen: Jemand trug unse­ren Kof­fer, ein ande­rer mei­nen Rol­la­tor. Papa half mir über die Stu­fen.

Erste Eindrücke der Jugendherberge Montreux

Die reno­vier­te und moder­ne Jugend­her­ber­ge Mon­treux befin­det sich fast direkt am See­ufer mit einer tol­len Pro­me­na­de – sofort mach­te sich Feri­en­fee­ling breit. Kaum ange­kom­men, muss­te ich drin­gend aufs WC. Ich ver­such­te die nicht-hin­der­nis­freie Toi­let­te beim Emp­fang, die ich mit Papas Hil­fe benut­zen konn­te. Für eine allein rei­sen­de Per­son im Roll­stuhl wäre das nicht mög­lich gewe­sen, es steht aber im 1. OG ein hin­der­nis­frei­es WC zur Ver­fü­gung. Die­ses erreichst du bequem mit dem Lift.

Unser Zim­mer war etwas eng, jedoch top-modern aus­ge­stat­tet. Wir fühl­ten uns sehr wohl, obschon ich ein paar Mal mit dem Rol­la­tor hän­gen blieb. Super war das Bade­zim­mer: Es ist voll­stän­dig bar­rie­re­frei mit einer eben­erdi­gen Dusche und einem Klapp­sitz. Das Duschen war dadurch pro­blem­los mög­lich.

Blick ins hin­der­nis­freie Zim­mer in der Jugend­her­ber­ge Mon­treux. © Jan Hür­ze­l­er

Abendessen & Abendstimmung

Ich bekam ein fei­nes Pou­let zum Abend­essen und war sehr zufrie­den. Papa erhielt ein vege­ta­ri­sches Gericht. Wir waren sehr froh, dass die net­te Hos­tel Mana­ge­rin über­haupt noch etwas für uns bereit­ge­stellt und auf­ge­wärmt hat, da wir nach den regu­lä­ren Essens­zei­ten ange­reist sind.

Danach gin­gen wir auf die Veran­da – boden­nah, mit wun­der­schö­nem Blick auf den See. Über unse­ren Köp­fen fuhr der Zug durchs Via­dukt. Es war eine tol­le Abend­stim­mung.

Auf der Veran­da der Jugend­her­ber­ge kannst du laue Som­mer­aben­de genies­sen. © Jan Hür­ze­l­er

Samstag – Badestellen & Barrieren

Nach dem fei­nen und reich­hal­ti­gen Früh­stücks­buf­fet mit heis­ser Scho­ko­la­de, Schog­gi-Auf­strich und allem Drum und Dran spa­zier­ten wir am See ent­lang in Rich­tung Schloss Chil­lon.

Unter­wegs ent­deck­ten wir spon­tan eine Bade­stel­le, fast wie ein klei­ner Pool am Ufer. Geschützt, ruhig und mit Steh­mög­lich­keit. Ich konn­te sogar ein biss­chen ins Was­ser, das war ein wun­der­schö­ner Moment. Aber auf­ge­passt: Die Stel­le war nicht bar­rie­re­frei. Wer mit Roll­stuhl unter­wegs ist, hät­te dort kei­ne Bade­mög­lich­keit gehabt. Ein hin­der­nis­frei­es Bade­plätz­chen fin­dest du bei­spiels­wei­se an der Pla­ge du Per­ri­er.

Beim Schloss Chil­lon konn­ten wir in den Innen­hof, nach­dem ein Mit­ar­bei­ter eine Sei­ten­tür geöff­net hat­te. Das eigent­li­che Schloss war aber nicht hin­der­nis­frei zugäng­lich. Dafür muss­ten wir auch kei­nen Ein­tritt bezah­len.

Zu per­fek­ten hin­der­nis­frei­en Feri­en gehört auch ein Bad im Gen­fer­see. © Jan Hür­ze­l­er

Von Freddie Mercury bis Freibad

Nach einem Gla­cé auf der ande­ren Stras­sen­sei­te fuh­ren wir zurück nach Mon­treux und besuch­ten das klei­ne Fred­die-Mer­cu­ry-Muse­um im Casi­no. Ich sah einen kur­zen Film, bestaun­te Kos­tü­me – und draus­sen an der Wand liess ich mei­nen Namen für Fred­die zurück. Ich fand es schön, dass er hier oft war und noch heu­te jedes Jahr an sei­nem Geburts­tag gefei­ert wird.

Es war wie­der sehr heiss, also gin­gen wir ins Frei­bad neben dem Casi­no. Der Ein­gang war mit Ram­pe gut zugäng­lich – das war super! Der Ein­stieg ins Becken funk­tio­nier­te auch. Raus kam ich dank Papas Hil­fe, denn es gab kei­nen hin­der­nis­frei­en Aus­stieg.

Spa­zier­gang mit per­fek­ter Kulis­se am See­ufer in Mon­treux. © Jan Hür­ze­l­er

Ein vegetarischer Abend

Abends gab es einen Drei­gän­ger in der Jugend­her­ber­ge: Salat­buf­fet, Gnoc­chi mit Pes­to und ein fei­nes Des­sert. Wir assen draus­sen auf der Veran­da mit Blick auf den See. Die­se erreich­ten wir mit der Ram­pe über den Innen­raum. Nach dem Essen schau­ten wir noch gemein­sam einen schö­nen Film und fie­len dann müde ins Bett.

Sonntag – Kamera läuft!

Am Sonn­tag muss­ten wir früh raus – Lin­da, Cyn­thia und Jan erwar­te­ten uns bereits beim Früh­stück. Sie beglei­te­ten uns durch den Tag für eine Repor­ta­ge im Pro­cap Maga­zin. Wir wur­den von ihnen gestylt, inter­viewt, foto­gra­fiert und gefilmt. Ich kam mir wie ein rich­ti­ger Film­star vor.

Wir führ­ten das Team noch durch unser Zim­mer und anschlies­send gin­gen wir gemein­sam bis zum See. Dort hat­ten wir noch eine Stun­de Zeit. Was macht man, wenn man vor dem See sitzt und wie­der über 30 Grad gemes­sen wer­den? Klar – rein ins Was­ser! Wir bade­ten direkt vom Ufer aus. Als das Schiff kam, waren wir pünkt­lich ange­zo­gen und bereit.

Der per­fek­te Start in den Tag? Das Früh­stücks­buf­fet in der Jugend­her­ber­ge Mon­treux. © Jan Hür­ze­l­er

Schifffahrt mit Hindernis

Für uns war ein Tisch in der ers­ten Klas­se reser­viert – Lin­da hat­te sich sogar vor­her über den Kur­ver­ein bera­ten las­sen und gesagt, dass wir mit Roll­stuhl respek­tiv Rol­la­tor unter­wegs sind. Lei­der war die ers­te Klas­se nur über eine Trep­pe erreich­bar. Dank der sofor­ti­gen Hil­fe des net­ten Schiffs­per­so­nals, meis­ter­ten wir die­se Hür­de.

Trotz eini­ger Schwie­rig­kei­ten haben wir es in die 1. Klas­se geschafft. © Jan Hür­ze­l­er

Rückreise mit Handicap-Service

Zurück in der Jugend­her­ber­ge hol­ten wir unser Gepäck. Für die Heim­rei­se wur­de der SBB-Han­di­cap-Dienst infor­miert. Das Team war freund­lich und hilfs­be­reit – aber auch sie kämpf­ten mit den Gege­ben­hei­ten: schma­le Türen, Trep­pen, kei­ne Flach­aus­stie­ge. Es hat uns nicht über­rascht, aber es zeigt deut­lich: Es gibt noch eini­ges zu ver­bes­sern.

Trotz eini­ger Hin­der­nis­se genoss ich mein Wochen­en­de mit mei­nem Papa. © Jan Hür­ze­l­er

Mein Fazit

Es war ein wun­der­schö­nes Wochen­en­de – mit dir, Papa. Wir haben viel erlebt, gelacht, geschwom­men, erzählt und gemein­sam gemeis­tert.

Ich wün­sche mir, dass Orte wie Mon­treux künf­tig bes­ser an Men­schen den­ken, die nicht so mobil sind wie ande­re. Bade­stel­len, Sehens­wür­dig­kei­ten, Hotel­zu­gän­ge und öffent­li­cher Ver­kehr – ech­te Bar­rie­re­frei­heit ist nicht Kür, son­dern Pflicht. Trotz­dem: Ich wür­de sofort wie­der mit dir los­zie­hen. Dan­ke für die­ses Wochen­en­de.

Über die Autorin:

Lena Hoff­mann, zwölf Jah­re alt und lie­be­voll bekannt als «Test­erfüd­li», liebt es, mit ihrer Fami­lie zu rei­sen – ob ans Meer oder in die Ber­ge. Die­ses Mal war sie als Feri­en­tes­te­r­in für die Schwei­zer Jugend­her­ber­gen und Pro­cap unter­wegs!

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